Der Name Herzohr

Ohne Herz – kein Klang der Stimme!

Zwischen dem Kopf als dem wachen Bewusstseinspol, dem Kehlkopf, der die Stimme ertönen lässt und dem Herzen als Mittelpunkt des Inneren, gibt es einen geheimnisvollen Zusammenhang, auf dessen Spur uns ein außergewöhnliches und anatomisch einzigartiges Phänomen führt:

Gewöhnlich nehmen alle vom Gehirn ausgehenden, sogenannten „effektiven“ Nervenbahnen den kürzesten Weg hin zu jenen Muskelregionen, die eine bestimmte Bewegung ausführen sollen. Bei jenen Nerven jedoch, die die Bewegungen der Kehlkopf-Muskulatur und damit den Klang der Stimme formen, gibt es einen – und zwar für beide Körperhälften unterschiedlichen – Strang, der sonderbarerweise zunächst bis zum Herz geht und dann wieder zum Kehlkopf zurückläuft. Diese Nervenbahnen machen einen durchaus unüblichen Umweg, weswegen die Anatomen sie ausdrücklich als den „Nervus laryngeus recurrens“ benennen.

Welch eine fantastische Chiffre der Natur ist doch die Geste dieser Nervenbahnen: Ohne Herz keine Stimme, kein Klang! In jedem, durch den ausströmenden Luftzug hervorgehenden und erklingenden Ton, in jedem Klang der Stimme schwingt und wirkt das Herz auf wundersame Weise mit. Im Klang ertönt Seele – das sonst Unsichtbare, Verborgene, völlig Ungegenständliche und daher Un-Fassbare offenbart sich dem wiederum so sensibel auf den Klang hin gebildete Ohr.

Noch rätselhafter und in ihrer Bedeutung und Funktion, bis heute für die Anatomen anscheinend gar nicht erklärbar, sind zwei kleine Ausbuchtungen an den Innenwänden der beiden Vorhöfe des Herzens selbst, denen man den sinnfälligen Namen „Herzohren“ gegeben hat. Was für ein wohlklingendes Wort! Sollte vielleicht selbst das Herz auf etwas hinlauschen und hinhorchen, ohne dass die Stimme leblos und seelenlos bliebe?



Alexander Lauterwasser
www.wasserklangbilder.de